Frau Dr. Annette Haller gestorben

Nachruf auf Annette Haller

Am 16. September 2017 ist die Judaistin Annette Haller überraschend gestorben. Sie wurde am 30. März 1958 in Trier geboren und auf dem Hauptfriedhof ihrer Heimatstadt beigesetzt. Nach dem Abi­tur 1977 in Trier studierte Annette Haller an der Universität Köln Judaistik, Geschichte und Anglis­tik. Bei der Vorbereitung einer Magisterarbeit stieß sie 1984 auf die Kopie des Protokollbuches der jü­dischen Gemeinde Trier von 1784 bis 1836 im Stadtarchiv; das Original befindet sich im Besitz der Kultusgemeinde. Es ist eine sehr wichtige Quelle, da nur wenige hebräische Quellen als Selbstzeug­nisse für die Geschichte der Juden in Trier existieren. 1991 promovierte Haller bei Prof. Johann Maier in Köln mit einer Edition, Übersetzung und ausführlichen Auswertung des Protokollbuches. Die Stadt Trier und die Trierer Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit haben die Publikation finanziell unterstützt.

Der seit 1652 bezeugte jüdische Friedhof an der Weidegasse in der Trierer Südstadt diente bis 1922 als Friedhof und wurde während der Verfolgung durch den Nationalsozialismus nicht angetastet. Nachdem es schon vorher Überlegungen zur Dokumentation dieses wichtigen Kulturdenkmals gege­ben hatte, ergriff 1991 die Trierer Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit die Initiative. Vorsitzende waren Bürgermeister a. D. Paul Kreutzer, Gerd Voremberg, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, und Dr. Gunther Franz, Direktor der Stadtbibliothek und des Stadtarchivs. Dieser übe­rnahm die Projektleitung. 1992 wurde ein namhafter Zuschuss vom Landesamt für Denkmalpflege aus Mitteln der Kulturstiftung Rheinland-Pfalz im Rahmen des Projektes „Jüdische Friedhofe in Rhein­land-Pfalz“ bewilligt, da der alte Trierer Friedhof hervorragende Bedeutung hat. Als Bearbeiterin hat Annette Haller in den Jahren 1993-1998 neben ihrer beruflichen Arbeit als Verlagsredakteurin in Paderborn 1992/93 und Leiterin der Bibliothek „Germania Judaica“ in Köln seit 1993 mit großer Sach­kenntnis und Sorgfalt das Manuskript erstattet und das komplizierte Layout mit Hilfe des Computers gestaltet. In Beratungen mit dem Rheinischen Landesmuseum Trier und mit Zustimmung der Jüdi­schen Kultusgemeinde wurde auf den ursprünglichen Plan, die ganz oder teilweise im Friedhofs­boden versunkenen Steine zu heben und zu konservieren, verzichtet. Vielmehr wurden durch Hebung der Steine die bisher unbekannten, historisch besonders wertvollen Inschriften in die Doku­mentation aufgenommen, die Steine aber zur besseren Erhaltung wieder versenkt. So konnten 547 Inschriften und Inschriftenfragmente ediert und erläutert werden. 2003 erschien im Trierer Paulinus-Verlag der schön gestaltete Band, in dessen Anhang auch die mittelalterlichen jüdischen Grabsteine im Rheinischen Landesmuseum beschrieben sind. Dass das Buch auch bei zahlreichen Freunden der Stadtgeschichte Interesse findet, zeigte sich bei der Vorstellung in den Viehmarktthermen, in deren Gelände sich der mittelalterliche jüdische Friedhof befand. Das Projekt wurde unterstützt von der Stadt Trier, der Jüdischen Gemeinde und der Trier-Gesellschaft für Erhaltung der Kulturdenkmale. Dass die Trierer Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit ein Projekt mit einer Gesamt­summe von 82 000 € dank der qualifizierten Bearbeiterin erfolgreich durchführen konnte, war ein besonderer Glücksfall.

Eine ganz andere kulturgeschichtliche Quelle ist das jüdische Kochbuch der Trierer Köchin Bertha Gumprich (Sprinz, 1832-1901). Sie bemühte sich mit Erfolg, die jüdische Küche populär zu machen. Das umfangreiche Buch erschien zuerst 1888 und erzielte insgesamt neun Auflagen. Heinz Monz steuerte eine Einführung zur Autorin bei und Annette Haller Erläuterungen zu den jüdischen Speise­gesetzen.

Zu zwei Ausstellungskatalogen von Stadtarchiv und Stadtbibliothek Trier hat A. Haller Beiträge geliefert: „Juden in Trier“ 1988 und „Bibeln aus 1000 Jahren“ 1993. Der Aufsatz „Die Mikwen der Gemeinde Trier. Neues Quellenmaterial aus dem 18. Jahrhundert“ 1993 hat aktuelle Bedeutung.

 

Von 1993 bis zu ihrem Tod war A. Haller Geschäftsführerin (Leiterin) der „Germania Judaica. Kölner Bibliothek zur Geschichte des deutschen Judentums“, die 95 000 Bände enthält und in räumlicher Verbindung mit der Stadtbibliothek im Josef-Haubrich-Hof steht. In dieser für eine Judaistin idealen Stellung hat sie einen mehrbändigen Bestandskatalog und verschiedene Veröffentlichungen vor­gelegt.

„Für ihre der deutsch-jüdischen und speziell der trierisch-jüdischen Geschichte gewidmete Arbeit, insbesondere die Dokumentation und wissenschaftliche Bearbeitung des Friedhofs an der Weide­gasse“ erhielt Annette Haller 2007 den alle zwei Jahre verliehenen und nach einem besonders engagierten Trierer Bürger benannten Hermann-Münzel-Preis des Trier-Forums.

Gunther Frantz

 

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Annette Haller: Das Protokollbuch der Jüdischen Gemeinde Trier (1784-1836). Edition der Hand­schrift und kommentierte Übertragung ins Deutsche. Frankfurt am Main u. a.: Lang 1992 (Judentum und Umwelt 34), 454 Seiten.

Annette Haller: Der jüdische Friedhof an der Weidegasse in Trier und die mittelalterlichen jüdischen Grabsteine im Rheinischen Landesmuseum Trier. Im Auftrag der Trierer Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit hrsg. von Gunther Franz. Trier: Paulinus-Verlag. 2003. 384 Seiten, zahlr. Illustrationen.

Bertha Gumprich: Vollständiges praktisches Kochbuch für die jüdische Küche. Selbstgeprüfte und bewährte Rezepte zur Bereitung aller Speisen, Getränke und Backwerke und alles Eingemachten für die gewöhnliche und feinere Küche. Hrsg. von Annette Haller und Heinz Monz. Nachdruck der 2. Aufl. Trier 1896. Trier: WVT: Wissenschaftlicher Verlag 2002. 289 S.

Juden in Trier. Katalog einer Ausstellung von Stadtarchiv und Stadtbiblothek Trier. Bearb. von Reiner Nolden. Trier 1988 (Ausstellungskataloge Trierer Bibliotheken 15).

Annette Haller: Thorarolle und Thoramantel. In: Bibeln aus 1000 Jahren. Handschriften – Gutenberg­bibel – Frühdrucke. Begleitheft und Katalog von Gunther Franz. Trier 1993 (Ausstellungskataloge Trierer Bibliotheken 25), S. 49-54.

Annette Haller: Die Mikwen der Gemeinde Trier. Neues Quellenmaterial aus dem 18. Jahrhundert. In: Menora. Jahrbuch für deutsch-jüdische Geschichte 4 (1993), S. 203-211.